“Deutungshoheit über den Glauben” – wer sie gerne hätte und wer sie hat

Da kam heute wieder dieses Infoblatt des Bistums Chur in meinen elektronischen Posteingang hinein geschneit – jenes Medienorgan, mit dem der Churer Bischof seinen Schäfchen mitteilen möchte, was er sonst in keiner anderen Publikation mehr veröffentlichen kann. Es hat immer einen gewissen Unterhaltungswert. Heute erregte eine der Text-Überschriften meine Neugier: “Deutungshoheit über den Glauben” – vor allem im Zusammenhang mit dem Verfasser des Artikels: Martin Grichting, Generalvikar der Diözese Chur. Er empörte sich einmal mehr über eines seiner Lieblingsthemen: Mündige Christinnen und Christen setzen sich mit ihrer Lebensrealität auseinander – zu der auch “die Kommunion für zivilrechtlich wiederverheiratete Geschiedene und die kirchliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sowie deren Segnung” gehören. Mündige Christen sind gar nicht Grichtings Ding – das ist soweit kein Geheimnis. Interessant ist das Ganze vor allem aber unter der genannten Überschrift. Denn mündige Christinnen und Christen beanspruchen für gewöhnlich, aus eigener Kompetenz, soll theologisch heissen: aus der Kraft des Heiligen Geistes, der ihnen zugesagt ist, heraus Aussagen über ihr Leben aus dem Glauben machen zu können. Hier scheiden sich die Geister – jener Martin Grichtings und der des Rests der Kirche. Denn: So war das mit dem mündigen Christen eben nicht gemeint. In den Augen Grichtings folgt der ordentliche mündige Christ dem, was er von den Repräsentanten Christi zu hören bekommt, oder er bittet um Barmherzigkeit, wenn er vom rechten Weg abgekommen zu sein scheint. Und nach reiflicher Analyse kommt Martin Grichting zu der ernüchternden Erkenntnis: Es gibt Christinnen und Christen, die sich aus der Kraft des Heiligen Geistes dessen sicher sind, was sie glauben und tun, die “gar keine solche Barmherzigkeit” wollen.

Ja, lieber Martin Grichting, auch ausserhalb des bischöflichen Palais in Chur wirkt der Heilige Geist, ermächtigt Menschen zu und bestätigt sie in ihrem Glauben und ihrem Handeln aus dem Glauben. Das mag für manche, die rund um die Churer Kathedrale schaffen, ein hartes Brot sein. Und somit ist auch sicher: Die “Deutungshoheit über den Glauben” ist nicht am Hof zu Chur daheim. Übrigens – das ist nicht sonderlich neu, das ist Lehre der Kirche. Das II. Vatikanum liess uns über den ‘Sensus fidelium’, den Glaubenssinn des Volkes Gottes wissen: “Das heilige Gottesvolk nimmt auch teil an dem prophetischen Amt Christi, in der Verbreitung seines lebendigen Zeugnisses vor allem durch ein Leben in Glauben und Liebe […] Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren.” (Lumen Gentium 12) Und somit geht es bei der kommenden Bischofssynode tatsächlich “letztlich um mehr als um Ehe und Familie”: Es geht darum, ob die Kirche das Wirken des Geistes im ganzen Volk Gottes wirklich ernst nehmen will. Ob sie sich als ganzes Volk Gottes auf den Weg macht, alles ehrlich prüft, was da ist, und am Ende wirklich Lebensstiftendes vom wirklich Lebenshindernden trennen kann.

Für Rom habe ich durchaus noch Hoffnung, für Chur nicht.

Interessant dazu:
Demel, Sabine;
Sensus fidelium: Der Glaubenssinn des ganzen Gottesvolkes
– Fromme Floskel oder erfahrbare Wirklichkeit?;
Vortrag auf der 16. Bundesversammlung der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche
am 23. Oktober 2004; Regensburg

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