Spurensuche zwischen Qu’ran, Torah und Evangelien

Seit über zwanzig Jahren verbringe ich meine Einkehrtage allein in einem Kloster, zumeist auf der Surselva in Disentis  – und das aus gutem Grund: Bist du in einer Gruppe, ist es mit der Einkehr mal schnell vorbei – so meine Erkenntnis aus meinen ersten (und bislang einzigen) Gruppenexerzitien vor dem zweiten Semester. Die Einsamkeit eines benediktinischen Bergklosters hingegen ist nun einmal hilfreich. Ein solches findet sich hier in der arabischen Wüste allerdings kaum.

Aber es gibt sie wohl – die Einkehrtage: in der Gruppe der Priester des Vikariates. Exakt das, was ich nicht wollte. Aber es gab keine Alternative: Ich musste es also wohl probieren. Als Begleiter durch diese Tage war der ehemalige Vorsitzende des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und Nuntius in Ägypten, Erzbischof Michael L. Fitzgerald, Mitglied des Ordens der ‘Weissen Väter’ und wohnhaft im Ordenssitz in Jerusalem, angekündigt. Wie auch immer – ich blieb skeptisch.

Fazit heute: Ich habe wohl selten etwas Faszinierenderes erlebt. Sicher, die Zeit der Einkehr kam in der Tat etwas zu kurz. Dagegen war die ‘geistliche Anregung’ exzellent. Bischof Fitzgerald gilt als einer der besten Islamkenner innerhalb des katholischen Wissenschaftsraumes. Demzufolge wählte er als Grundlage für die viertägige Besinnung von gut sechzig katholischen Priestern und einem Bischof – den Qu’ran. Das war eine Herausforderung und für den Exerzitienmeister auch durchaus ein Risiko: Halten das sechzig fromme Seelen durch? Aber es gelang vollumfänglich. Meine eigene Faszination rührte schlussendlich sicher auch daher, dass meine Berührung mit dem Qu’ran bislang viel zu wenig zustande kam, und nun konnte ich innerhalb von wenigen Tagen ein Intensivprogramm vom Feinsten erleben.

Der Qu’ran kennt die Tradition der ‘neunundneunzig schönsten Namen Allahs’. Viele dieser Namen und andere finden sich auch im Alten Testament – in der Torah und bei den Propheten. Aus der jüdischen Tradition haben sie schliesslich ihren Eingang ins Neue Testament gefunden. Anhand von sechs ausgewählten Namen – ‘der Schöpfer’, ‘der Transzendente’, ‘der Mit-uns’, ‘der Leitende’, ‘der Gott des Erbarmens’ und ‘der Gott des Friedens’ (wie zur Beruhigung der Teilnehmer wählte der Bischof als Themenüberschriften gängige Namen der jüdisch-christlichen Schriften…) – ging die geistliche Tour durch die Tiefen unserer drei Offenbarungsschriften – jeweils ausgehend von den Suren des Qu’rans.

Ein derartiger Einblick war für mich völlig neu. Die Faszination hat mich vier Tage nicht verlassen. Nachdem ich mich nun acht Monate lang mit Topographie und Kultur meines neuen Lebensraumes auseinander gesetzt hatte, kam dieser nächste Schritt gerade richtig. Auch wenn mir die Klostermauern von Disentis fehlen, bin ich äusserst dankbar für dieses Erlebnis.

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