Und plötzlich ist es ganz nah…

Dass der Nahe Osten ein Pulverfass ist, hat sich ja mittlerweile rumgesprochen. Die internationale Presse ist voll davon. Die Nachrichten über Attentate und Kriegsgräuel erschüttern. Vor allem angesichts der Tatsache, dass der Horror, der vielerorts jeglicher Logik entbehrt, dort auch noch im Namen einer Religion inszeniert wird, bleibt einem nur noch das ohnmächtige Kopfschütteln. Aber immer noch ist es woanders, weit weg.

6Es war heute Mittag, Freitag, 4. März 2016. Wir sassen beim gemeinsamen Mittagessen – Bischofshaus- und Pfarrhaus-Community zusammen, wie an jedem Freitag. Das Handy von Thomas Sebastian, dem Bischofssekretär, läutete. Jemand machte noch einen Spruch, hat doch der Papst angeraten, am Tisch nur miteinander zu kommunizieren: Handys sollen draussen bleiben. Thomas Sebastian kehrte von seinem Telefonat mit versteinerter Miene zurück: Islamisten haben den Konvent der Schwestern Mutter Teresas in Aden überfallen, vier Schwestern und etliche Mitarbeiter umgebracht. Fr. Tom, der Hausgeistliche, ist spurlos verschwunden. Im vergangenen Jahr hat er mir noch erzählt, dass es für ihn wichtig sei, auch jetzt im Krieg für die Menschen im Land da zu sein. Und für die Ordensschwestern. Vielleicht hat ihm sein Mut das Leben gekostet. Totenstille am Tisch.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Missionarinnen der Nächstenliebe im Yemen Opfer von Gewalt wurden: Bereits 1998 hat ein Einzeltäter drei Schwestern in Hodeidah am Roten Meer ermordet – er ist dafür hingerichtet worden. Nun aber sieht es so aus, als seien die Toten Opfer der politischen Lage des Landes geworden. In den kriegerischen Auseinandersetzungen macht sich vor allem im Südjemen zunehmend islamistischer Terror breit.

Und plötzlich ist dieser Terror nicht mehr nur ein Bericht, der erschüttert – nun hat der Terror auch Opfer gefordert, die in meiner ‘Firma’ schaffen. Die ich kenne. Nachdem klar wurde, dass schon wenige Stunden später die breite Öffentlichkeit das Attentat zur Kenntnis genommen hat, wollen auch wir darüber sprechen, uns unsere Ohnmacht von der Seele reden und das aus Sicherheitsgründen zunächst gewahrte Schweigen brechen. So stehe ich also am Abend in der Kirche und soll 1’500 Gläubigen zu Beginn meiner Messe die Schreckensnachricht überbringen. Ein Entsetzensruf geht durch die Kirche, ich wahre mühsam die Fassung, kämpfe mit der Stimme. Wenn auch all diese Geschehnisse in sicherer Entfernung von über 2’000 Kilometern passiert sind – jeder spürt es: Plötzlich sitzt der Terror mit am Tisch. Oder steht mit am Altar. Er ist ganz nah. Er lässt sich anfühlen. “Betet für die, die euch verfolgen” (Mt 5,44c). Das Leben predigt dazu irgendwie ganz anders als die theologische Reflexion.


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