Der Mensch denkt und Gott lenkt? – Über Gesetz und Freiheit

Zum 6. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A

Gott an den Zügeln des Lebens
“Der Mensch denkt und Gott lenkt” – wer kennt diesen Satz nicht, der sich an das sechzehnte Kapitel des alttestamentlichen Buches der Sprüche anlehnt. Immer wieder führen wir ihn auf den Lippen, wenn wir erfahren müssen, dass wir zwar unsere Vorstellungen vom Leben und unsere Wünsche ans Leben haben, aber dass es oft ganz anders herauskommt. Vor allem fällt uns dieser Satz leicht auszusprechen, wenn wir tief in unseren Herzen zugeben müssen, dass unsere Vorstellung vom Leben eigentlich recht schief war und trotzdem alles am Ende gut heraus gekommen ist.
“Der Mensch denkt und Gott lenkt” – der Satz ist wie die eine von zwei Seiten einer Medaille, – diese Worte heissen doch auch: Am Ende ist es immer nur Gott, der unser Leben regiert, bestimmt, lenkt und leitet. – Ja klar, denn: Welcher fromme Mensch würde das schon verneinen. Und doch stellt sich die Frage: Warum sollen wir denn dann überhaupt noch denken? Warum sollen wir uns überhaupt noch entscheiden? Warum sollen wir Verantwortung für unser Leben übernehmen? Das ist ja wohl dann höchst überflüssig.
Heisst die Alternative  gar wirklich so: Fromm sein oder aber das Leben selbst gestalten? Das Alte Testament schein es uns so vor zu machen – und wir haben es oftmals tief in unsere Herzen eingepflanzt.

Mit Gott ins Weite
Wer so denkt, glaubt und lebt, den muss der heutige Sonntag ganz ausserordentlich herausfordern und durcheinander rütteln… Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. – Das Weisheitsbuch Jesus Sirach weist uns darauf hin, dass es noch andere Gottesbilder im Alten Bund gibt. Mensch, triff deine Wahl – entscheide dich! Und wer wählt, wer sich entscheidet, der kann sich eben auch irren, der kann daneben liegen – der kann sündigen.
Keinem gebietet er zu sündigen, und die Betrüger unterstützt er nicht,  so hörten wir. Und dennoch hat jeder Mensch die Freiheit, sich zu  versündigen und Schlechtes zu tun. Das Buch Jesus Sirach hat ein freiheitliches Menschenbild und das Bild von einem Gott, der diese Freiheit ermöglicht. Es ist dieser Gott, der schon am Anfang der Zeiten sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit hat: Und auch dieser Weg war von Pleiten und Pannen gezeichnet – aber er führte ans Ziel.

Von der Freiheit der Kinder Gottes
Schliesslich hat Gott in seinem Sohn sogar die Fesseln des Todes gesprengt und Leben in Fülle verheissen. Auch dieser Weg zu einem ewigen Leben kennt Sackgassen und falsche Abzweige. Aber Gott lädt immer wieder ein innezuhalten, den Weg genau anzuschauen und gegebenenfalls zu korrigieren. Wer dem Ruf Gottes als Christ und Christin folgt, wählt seinen Weg, den er in seinem Leben gehen will – und wählt vielleicht auch mal den falschen. Das ist das Risiko der Freiheit.
Und: Die Freiheit der Kinder Gottes gibt es nicht gratis. Das Geschenk der Freiheit ist zugleich auch die Verpflichtung zur Entscheidung.

Glücklicherweise bietet das Leben immer wieder Leitlinien zur Orientierung an – das Evangelium dieses Sonntags sogar in sehr eindringlicher Weise. Jesus hat klare Vorstellungen davon, wie Freiheit in rechter Weise gestaltet wird. Die Gesetze der Torah skizzieren ein Leben im Gleichstand: Ich muss dem anderen Menschen nicht mehr an Freiheit lassen, als ich selber habe. Jesus aber geht darüber hinaus. Seine radikalen Worten lassen erkennen: Die eigene Freiheit gestaltet nur in rechter Weise der Mensch, der verstanden hat, wo die Freiheit des Anderen beginnt, und der diese Freiheit des Anderen auch immer im Auge behält.

Gabe und Auftrag
Das Geschenk der Freiheit ist also auch die Verpflichtung zur Verantwortung. Wer meint, hemmungslos frei sein zu können, hat sich schon verstrickt in Schuld gegenüber Anderen. Und dazu ist es noch nicht einmal genug, einfach nur das Gesetz des Alltags in den Blick zu nehmen – es braucht mehr: Wirklich frei lebt nur, wer bereit ist, für die Freiheit des Anderen engagiert Sorge zu tragen. Und die Schritte zu diesem Tun lenkt nicht  Gott, sondern der Mensch, der dem Ruf zur Freiheit Gottes folgt. Dieser Anspruch an unser Christsein ist nicht leicht – Gott fordert uns wahrlich heraus.

Wer sein Leben in Freiheit gestalten will, kann seinen Weg nicht anders gehen als in kleinen Schritten. Weil er immer wieder anhalten muss, um zu schauen, was rechts und links passiert. Weil er darauf Acht geben muss, was der Andere für seine Freiheit braucht.
Das tönt unglaublich anstrengend. Wer soll das schaffen? Leichter scheint das Leben doch, wenn ich die Hände zum Gebet falte und einzig darauf vertraue, dass Gott das Leben schon irgendwie lenkt. Und wenn nicht Gott, dann halt der Pfarrer, der Bischof oder der Papst. Oder irgendeine andere Autorität. Es müsste sich doch jemand finden lassen.
Ja, solche Autoritäten gibt es – und sie gebrauchen unser Leben oft sehr gerne und dankbar – vor allem für ihre eigenen Zwecke. Das aber verschleiert unsere Gottesebenbildlichkeit. Unsere Hoffnung als Christinnen und Christen ist es doch, dass Gottes Geist uns ermutigt und befähigt, selbst und eigenverantwortet die richtigen Schritte zu gehen. Gott hat in Taufe und Firmung die Hand nach uns ausgestreckt und zugesagt, mit seiner Kraft in unserem Leben immer gegenwärtig zu sein. Und der Freiheit der Kinder Gottes wegen lohnt es sich, das Leben anzupacken und zu gestalten – im Kleinen wie im Grossen: in den eigenen vier Wänden genauso wie rund um die Welt. Und dabei sind wir eben nicht allein – das hat Gott schon dem Mose zugesagt. Aus dem brennenden Dornbusch hiess es doch:  Ich bin dein Gott – ich bin Jahwe: der Ich-bin-da.

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