“Franziskus, stell mein Haus wieder her” – Eindrücke von der Basis

Franziskus entledigt sich seiner Kleider

“Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.” Diese Worte soll der Legende nach der hl. Franz von Assisi vor dem Kreuz des kleinen Kirchleins San Damiano in Assisi vernommen haben. Er nahm sich das Dictum wörtlich und übertragen zu Herzen. Franziskus führte ein Leben nach Art der Imitatio Christi, in Bescheidenheit, Armut und Demut. Vollends öffentlich wurde dieses Leben schliesslich, als Franziskus begann, die Reichtümer seines Vaters, des Tuchhändlers Pietro Bernadone, unter den Armen zu verteilen: Der Vater verklagte im Jahr 1207 den Sohn – während dieses öffentlichen Prozesses auf dem Domplatz zu Assisi entledigte sich Franziskus all seiner Kleider und all seiner Habe, wandte sich von seiner Familie ab und endgültig der Nachfolge Jesu zu. Mit der Gemeinschaft seiner geistlichen Brüder – den späteren Franziskanern – und seiner Gefährtin Clara von Assisi zeigte er der Kirche des 13. Jahrhunderts auf, was Leben aus dem Evangelium wirklich meint – gegen etliche Widerstände und Widersacher.

Jener Mann nun, der den Namen dieses Heiligen zu seinem Papstnamen wählte, scheint Ähnliches im Sinn zu haben.

“Cari fratelli e sorelle,  – buona sera!” – als diese schlichten, so gar nicht liturgischen, aber dafür umso mehr charmanten Worte am Abend des 13. März dieses Jahres von der Benediktionsloggia des Petersdoms zu hören waren, da haben nicht nur Vaticanisti  das Gefühl bekommen, dass da ganz Neues am kirchlichen Himmel aufziehen könnte. Die folgenden Tage waren dann geprägt von Bildern, auf die die Menschen sehnsüchtig gewartet hatten: der Papst “vom Ende der Welt”, der seine Hotel-Rechnung selber zahlt, der die private Limousine gegen den gemeinschaftlichen Reisebus tauscht, der das abgelegene Apartment der päpstlichen Residenz vorzieht. Der morgens mit Angestellten – sine pompa – Eucharistie feiert. Der am Gründonnerstag eigenhändig in einem Gefängnis Menschen die Füsse wäscht und küsst – darunter Frauen und Nichtchristen. Der einen jungen Behinderten auf dem Petersplatz in sein Papamobil bittet. Kaum ein Bild, auf dem der ehemalige Kardinal von Buenos Aires nicht lächelt und sich nicht in herzlicher Geste den Menschen zuneigt. Kirche und Welt halten den Atem an. Sehr rasch vergessen ist die anfängliche Skepsis und verstummt die Diskussion über die politische Vergangenheit des argentinischen Jesuitenpaters – und bischofs Jorge Mario Bergoglio, über sein Verhalten während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983).
Franziskus – ein Papst, wie ihn sich das kirchliche Marketing nur wünschen kann.

Fusswaschung am GründonnerstagEin Mächtiger der Medien

Den Bildern folgten Worte: Die ersten Predigten und Ansprachen wiesen in eine neue, für eine Kirche unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ungewohnte Richtung. Da ist nicht zuerst – wohl dann auch – von Politik die Rede, da geht es nicht zuerst um liturgische Formen und Weisen: Unvergessen das Bild, wie sich der Neugewählte nach dem päpstlichen Segen rasch wieder seiner Stola entledigt, die man ihm zuvor dafür eigens reichen musste. – Franziskus sieht zuerst den Menschen. Und das wiederum sieht dann sehr nach einem Paradigmenwechsel aus.
Hundert Tage waren vorbei, als die erste Reise den Papst nach Lampedusa führte, wo er das Gespräch mit Flüchtlingen und Einheimischen suchte – nicht zuerst mit Politikern und Kirchenoberen. Den Politikern Europas redete er ins Gewissen, skizzierte eine Globalisierung der Gleichgültigkeit. Das neuste Unglück vor der ‘Flüchtlingsinsel’ nennt der Papst in aufrichtiger Anteilnahme einen ‘Tag der Tränen’.

Papst auf Lampedusa“Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt”:  Die LGBT-Community riecht Morgenluft, selbst hartgesottene Kritiker Roms geraten ins Wanken. Was bricht da an? Als Erzbischof von Buenos Aires hat Bergoglio die gleichgeschlechtliche Ehe verurteilt und auch dazu ein Zerwürfnis mit der argentinischen Präsidentin nicht gescheut. – “Wenn ihr einen habt, der das Bischofsamt anstrebt, dann geht das nicht” – mit diesem Wort an die versammelten Nuntien gab Franziskus durch, was ein Bischof sein soll: “Hirten, die nahe beim Volk sind.”  Ein Bischof, der sich mit einem First-Class-Flug zu den Ärmsten der Armen begibt und versucht zu erklären, wie er das Sechsfache einer veranschlagten Millionen-Summe öffentlicher Gelder in seinem Diözesanzentrum versenken konnte, dürfte damit nicht gemeint sein. “Andere bekehren zu wollen, ist eine ‘feierliche Dummheit’. […] Es ist wichtig, dem anderen zuzuhören und seine Umwelt und seine Gedanken kennenzulernen”  – Worte an den 89jährigen Politiker und Schriftsteller Eugenio Scalfari, Atheist und Herausgeber der Zeitung ‘La Repubblica’, der mit Franziskus das neuste Interview geführt hat. Andere Beispiele lassen sich finden.

Ein sanftes Säuseln oder ein heftiger Sturm?

Und nun? Jetzt darf man gespannt sein auf erfahrbare Konsequenzen. Wenn es welche geben sollte. Denn: Was darf erwartet werden? Kommt  eine neue Kirche? – wohl kaum!
Vielleicht gibt es aber schon mehr Neues, als man meint – nur nicht so augenscheinlich. Wenn man genau hinschaut, dann geht doch an verschiedenen Stellen der Kirche der Same auf und wird zu kleinen Pflänzchen, die nun gut gehütet werden müssen. Der Versuch einer oberflächlichen Spurensuche – einige Fundstücke: Franz-Josef-Overbeck, Bischof der deutschen Diözese Essen, – 2010 in der ARD-Sendung ‘Anne Will’ noch mit einer klaren Ablehnung homosexueller Veranlagung aufgefallen – lässt sich nun zitieren, er wolle die Augen vor der Realität nicht verschliessen. Ob er wirklich zu neuen Einsichten gekommen ist oder seinen Hals mit dem franziskanischen Wind dreht, spielt keine Rolle: Hauptsache ist mal zunächst, dass er in seinem Wirken umsetzt, was er ‘erkannt’ hat.
Als im Jahr 1993 die die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz Kasper, Lehmann und Saier ihr Pastoralschreiben “Zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen” veröffentlicht haben, bewirkte das heftigste Kritik aus Rom – namentlich durch den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger. Die vatikanische Rückmeldung zum neuen Freiburger Vorstoss in dieser Thematik fällt derzeit viel verhaltener aus. Es bleibt zu beobachten, was sich da entwickelt.
Oder: War in der Zitate-Box der Homepage des Bistums Chur Papst Benedikt XVI. noch ein gerne genommener Gast, wird der neue Papst nun vom Diözesanbischof und dem Kirchenrecht auf die hinteren Plätze verbannt. Die Bestnote für das Wirken des neuen Papstes kommt sicher aus einer unerwarteten Ecke: Hat die Chefetage der Piusbrüder während des Pontifikates von Papst Benedikt im Vatikan noch heftigst Klinken geputzt, sieht man nun alle Hoffnungen auf Wiederaufnahme in die Kirche begraben und geht enttäuscht auf Distanz. Das neue Oberhaupt der katholischen Kirche lässt sich ganz schlecht vereinnahmen für rückwärts gewandte Tendenzen.

Es sind zarte Pflänzchen, die da wachsen.  Und sie müssen gepflegt werden. Ihre Früchte aber werden der Kirche gut tun. Dazu muss sie nun aber auch ernten und kosten. Sie muss schnellstens ihr ultramontanistisches Gehabe ablegen, das sich seit 1978 bis heute verschärft entwickelt hat. Die Teil- und Ortskirchen sind gefragt und aufgerufen, ihr Leben zu gestalten. Die Ortskirchen – das sind alle durch Taufe und Firmung zu verantwortetem Christsein berufenen Katholikinnen und Katholiken: Stellt mein Haus wieder her!

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