Kirche sein – Über Mut, Phantasie und Verantwortung

Zum 5. Sonntag der Osterzeit – Lesejahr A

_wsb_200x228_Ostern1108Was ist eigentlich los
In diesen fünfzig Tagen nach Ostern feiert die Kirche so etwas wie eine Zwischenzeit. Und es ist eine schwierige Zeit, der sich all die Menschen damals nach Jesu Tod stellen mussten. Sie sind mit ihm gegangen, sie haben seine Worte gehört – vielleicht haben sie sie verstanden, vielleicht nicht. Sie haben Anteil gehabt an dieser Begeisterung, die Jesus in Galiläa und überall ausgelöst hat. Sie waren seine Fans. Sie mussten nicht lange überlegen, was er für sie bedeutet. Er war einfach da und hat sie in seinen Bann gezogen. Sie haben sich von seiner Gegenwart tragen lassen.

Schliesslich: Die Begeisterung, die Hoffnung, all das Schöne und Gute – am Kreuz auf Golgatha angenagelt. Allmählich macht sich so der Gedanke und die Erfahrung breit, dass all die Jünger das eine oder andere noch nicht so ganz erfasst hatten. Tod und Auferstehung – Jesus hatte sie wohl angedeutet. Aber was hiess das schon.
Dann aber machen die Ersten ihre ganz eigenen Erfahrungen: die Frauen am Grab, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus und viele mehr. Allmählich kommt der Gedanke auf, dass alle, die Jesus folgen wollen, tatsächlich  einmal ganz genau nachspüren müssen, worum es denn eigentlich und wirklich bei diesem Mann aus Nazareth gegangen ist.
Und damit heisst es dann auch: sich mit diesen neuen Erfahrungen zurecht zu finden. Herauszufinden, was der Kern der Botschaft Jesu mit mir zu tun hat, was denn wirklich mit Nachfolge Jesu gemeint ist. Das war für die ersten Christinnen und Christen kein einfaches Unterfangen – das ist es auch heute nicht. Wie schwierig das manchmal damals sein konnte, machen uns an diesem Wochenende vor allem zwei Gestalten aus dem Umfeld Jesu und aus den ersten Gemeinden deutlich: Im Evangelium hört wir von den Aposteln Philippus und  Thomas.

“Suchen und Fragen, Hoffen und Sehen”
Wir hörten, wie Jesus zu diesen Aposteln vor seiner Auferstehung über Tod und Auferstehen spricht – und was das für die Menschen bedeuten soll. Nachfragend tasten sich Thomas und Philippus an das heran, was damit gemeint sein könnte, was sie davon verstanden haben. Gegenüber Philippus verliert Jesus schon fast die Geduld: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt? Aber  Philippus und Thomas bleiben dran, sie lassen nicht locker. Auch nach dem Schock der Kreuzigung.  Sie gehen ihren Weg des Erkennens und des Verstehens kraftvoll voran. Schliesslich gehören sie zu jenen, die es selbst schaffen, die Leute mit der Frohbotschaft in den Bann zu ziehen und in Jerusalem die erste Gemeinde zu gründen
So werden Thomas und Philippus zum Paradebeispiel eines Christen: Sie halten im Anfang die Unsicherheit des Nichtverstehens aus und sie bleiben dran, sie lassen das Missverstehen zu und sammeln  immer mehr Glaubenserfahrungen, bis sich für sie aus den vielen, zunächst unverständlichen Puzzleteilen ein Bild ergibt, das sie weiterverschenken können. Sie werden vom Empfänger der Frohbotschaft zu deren Zeugen und Verkünder.

Andere Welt, andere Kirche
Diese Beispiele sollen Christinnen und Christen heute ermutigen, ihren eigenen Weg der Nachfolge zu suchen und zu gestalten. Zunächst richtete sich die Botschaft des heutigen Evangeliums  durch alle Zeiten der christlichen Verkündigung hindurch zunächst einmal an jene, die am Osterfest durch das Sakrament der Taufe in die Spur Jesu gesetzt wurden: Sucht euren Weg in der Nachfolge, gestaltet und geht ihn!

Aber auch alle schon längst Getauften ermuntert das Zeugnis der beiden Apostel, den eigenen Glaubensweg immer wieder genau unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, ob wir als Christinnen und Christen denn eigentlich tatsächlich noch in den Spuren Jesu laufen. Dazu reicht es nicht, immer wieder aufzuschauen zum Herrn, immer wieder überzeugende Beispiele von christlichen Vorbildern zur Kenntnis zu nehmen. Es braucht neben dem Erkennen und Annehmen der Wahrheit auch das eigene christliche Zeugnis in der Welt, in der wir Nachfolge leben. Wie das schliesslich aussieht, dafür gibt es kein Rezept. Es braucht unsere Phantasie und unser Engagement als lebendige Kirche. Wenn wir hinschauen, wie die Welt um uns herum lebt, wonach sie fragt und was sie braucht, können wir erkennen, was von uns als Christinnen und Christen gefragt ist.

Hauptsache dynamisch
Manchmal ist da sehr viel Mut und Phantasie gefragt, weil Althergebrachtes nicht mehr taugt. Die Situation der Kirche von heute ist nicht mehr die von einst und schon lange nicht mehr jene der Anfänge. Wir hören solche Klagen: Es wird nicht mehr geglaubt, es wird Kirche nicht mehr gelebt. Viele wissenschaftlichen Analysen und auch unzählige Medienberichte wollen uns immer wieder wissen lassen, wie das Glaubensleben der Menschen sich verflüchtigt. 
Schaut man näher hin, lässt sich oft feststellen, wie sehr wohl Menschen auf der Gottsuche sind, wie sie versuchen, zu ergründen, was die Frohbotschaft für ihr Leben heisst. Nur eben anders, als das vielleicht zu anderen Zeiten geschah. Über die Generationen und Kulturen hinweg und quer durch die Kirche wird das wohl immer eine grosse Herausforderung bleiben. Diese Dynamik gilt es auszuhalten – und das ist manchmal ganz schön schwer. Was das für jeden einzelnen Christen heisst, formuliert der 1. Petrusbrief in beeindruckenden Worten: Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen. Nun lässt sich aber Architektur bekanntlich auf verschiedenste Weise gestalten: Funktional, praktisch, klassisch, gut sortiert, dafür vielleicht ein bisschen seelenlos – oder aber auch wie eines der Hundertwasser-Häuser zu Wien: kunterbunt, ein wenig verworren und chaotisch. Mit der Kirche ist das genauso. Wir Christen, die wir zu Bausteinen dieser Kirche berufen sind, dürfen mit unserem je eigenen Christsein der Kirche ihre Form geben. Und je mehr interessante Bausteine sich einbinden lassen, desto spannender, akttraktiver, sehenswerter und strahlender wird das Bauwerk.

This entry was posted in Predigt.

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