Pogrom kommt übrigens aus dem Russischen

Im November 1938 organisierte das nationalsozialistische Regime in Deutschland die ersten offiziellen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung. Einige Hundert Menschen sind brutal ermordet worden, ihre Habe wurde geplündert, ihre geschäftlichen Existenzen vernichtet. Kleine Zahlen im Vergleich zu anderem Terror, mag man denken, aber bekanntlich waren diese Ereignisse rund um die sogenannte ‘Reichskristallnacht’ erst der Anfang eines der grauenvollsten Kapitel in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zwei Nachkriegsgenerationen sind in ihrer schulischen Ausbildung mit dem Wissen um diese Ereignisse geimpft worden – in der Hoffnung, dass Pogrome und deren Folgen wie etwa ein Holocaust und Genozide nie wieder vorkommen.

Rein gar nichts gelernt?

Liebe russische Geschichtslehrer, was habt ihr eigentlich mit eurer Schülerschaft gemacht? Schon nach einer Generation erfindet der russische Staat Gesetze – dieses mal nicht gegen eine religiöse, aber gegen eine Minderheit sexueller Orientierung -, die pogromartigen Ausschreitungen Türen und Tore öffnen. Und diese sind in vollem Gange, wie die Tagesschau und andere Medien berichten. Und wie einst: Am Anfang stehen wieder die abstrusen Gedanken eines Machthabers, die sich schliesslich etablieren, zunächst offiziöse, dann offizielle Gestalt annehmen. Und das Ganze auch auf europäischem Boden – die Welt schaut zu. Man will sich mit dem Macho nicht anlegen, zu gut florieren die Geschäfte weltweit. Das Importvolumen hat sich in den letzten acht Jahren verdreifacht  – in Folge dessen verdreifachte sich auch das wirtschaftliche Interesse aller Importeure. Wer will sich schon die Geschäfte vermasseln.  Guido Westerwelle hüstelt zumindest leise vor sich hin. Ich stelle mir gerade vor, wie der bundesdeutsche Aussenminister mit Partner in Moskau landet, um den von Ex-Kanzler Schröder als “lupenreinen Demokraten” zertifizierten Russen zum politischen Austausch zu besuchen. Westerwelle mag ja noch im Sessel des Beratungszimmers ankommen können, aber sein Partner Michael Mronz gehört nicht zum diplomatischen Korps… Barack Obama, sonst an der Spitze der Verteidiger von Minderheiten, zickt wohl heftig gegen Putin – aber nicht wegen der russischen Diskriminierungsmassnahmen, sondern weil er seinen Lieblingsstaatsfeind No. 1 zurückhaben will. Edward Snowden kann nur abgrundtief dankbar sein, dass die amerikanische Presse ihm mal attestiert hat, er habe eine Freundin.

Jetzt stehen dann im nächsten Jahr die Olympischen Winterspiele in Sotschi ins Haus. Wer hier von olympischen Idealen träumt – bitte. Zu allererst geht es um millionenschwere Geschäfte. Ein Projekt der „Internationalen Gesellschaft für Medien und Kommunikationsforschung“, das die Auswirkungen der Olympischen Spiele von 1972 bis 2004 auf ihre Austragungsstätten untersuchte, hat gezeigt, dass etwa Olympia in Sydney (Sommer-Spiele 2000) Australien einen Werbewert von 4 Milliarden Euro erbrachte. Das kann wohl  auch schief gehen – Kanada liess Montreal nach den Spielen von 1976 auf den Kosten sitzen, was heute noch spürbar ist. Aber das Risiko lohnt sich anscheinend – auch für das IOC. Man will sich da also nicht unbedingt die Finger verbrennen wegen so ein paar Schwulen und Lesben – und die Welt schweigt.

Hallo – aufwachen!

Die Gruppe “Menschenrechte” des Politischen und Sicherheitspolitischen Komitee des Rates der Europäischen Union hat in Sachen ‘sexueller Diskriminierung’ mit Blick auf Partnerländer in den Vereinten Nationen im Juni 2010 folgendes Vorgehen vorgeschlagen:

“Aufruf an die Staaten, alle erforderlichen – insbesondere legislativen oder administrativen –Maßnahmen zu treffen, um zu gewährleisten, dass sexuelle Ausrichtung oder Geschlechtsidentität unter keinen Umständen Grundlage für strafrechtliche Sanktionen, insbesondere Hinrichtungen, Festnahmen oder Haft sein können; Gewährleistung, dass derartige  Menschenrechtsverletzungen verfolgt und die Täter dafür zur Verantwortung gezogen und vor Gericht gestellt werden, sowie Gewährleistung, dass Menschenrechtsverteidiger hinreichend geschützt werden und sie sich ungehindert  betätigen können.”

(Quelle: Maßnahmenkatalog zur Förderung und zum Schutz der Ausübung aller Menschenrechte durch Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen)

Papier ist geduldig – das wissen wir. Aber was ist denn mit den Volksvertreter/innen in Brüssel? In unseren nationalstaatlichen Organisationen? – Bequem? Lahmarschig? Ängstlich? In über 70 Staaten der Erde werden Homosexuelle verfolgt – wenn etwa in diesem Zusammenhang so ein Begriff wie ‘Scharia’ fällt oder andere Zentralreize gesendet werden, neigen unsere Diplomaten ja immer zu grosser Nervosität. Arabische oder afrikanische  Länder, die derart diskriminieren, befinden sich ja auch in zivilisatorischer Urzeit. Sie muss man mit Embargos etc. auf den Weg der abendländischen Moderne bringen. Aber Russland? Scheint sich so mancher Politiker zu denken.

Dass hier mit den Mächtigen der Politik und auch der orthodoxen Kirche ein Unrechts- und Unterdrückungssystem par excellence, dessen Fundament eine marode und anscheinend immer mehr entsittlichte Gesellschaft ist, errichtet wird, scheint sehr wenige zu interessieren. Dass hier Menschenrechte und andere soziale Errungenschaften unserer Zeit aus rein ökonomischen Gründen zu vergleichsweise Ramschpreisen verhökert werden, scheint in keinem Bewusstsein aufzuleuchten. Heute trifft es die LGBT-Community – und morgen?

Als in meiner Heimatstadt in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge ausbrannte – ja, das war schon schlimm…, sagen die Alten. Nein, das war nicht einfach schlimm, das war der Anfang eines zivilisatorischen Debakels. Es ging um eine Bevölkerungsruppe von ca. 1%, die aus heute vielleicht nachvollziehbaren aber absolut unentschuldbaren Gründen einen derartigen Hass auf sich zog, dass fast ein ganzes Land (mit samt Nachbarn) alles an Anstand und Sitte vergass, was es mal gelernt hatte – Ausnahmen gab es glücklicherweise. Nie wieder! lautete eine bis in unsere Zeit populäre Nachkriegsparole. Von wegen!

Pogrom kommt übrigens aus dem Russischen.


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