Ostern ist eine existentielle Herausforderung

Zur Osternacht / Zum Ostertag

Ostern stört!
“Ehrlich gesagt: Ostern stört!”, so zitiert ein Kollege in einem Radiobeitrag eine Mitarbeiterin aus einer Kindertagesstätte. Im Frühjahr, so sagt Frau, sei doch immer so viel los – so viele Aufbrüche, so viel Neues, so viele Planungen. Da störe diese Unterbrechung durch das Osterfest einfach. Man kommt so raus den Geschäften. Die Kita-Mitarbeiterin ist mit ihrer Haltung nicht ganz allein. Auch Leute an den Börsen hört man immer wieder: Ostern störe den Flow an der Börse. Das Fest unterbricht die Geschäfterei.

Genau – Ostern stört! Und wie! Und eben das ist der Sinn, wenn Gott durch das Leben der Menschen stürmt. Dabei wird alles anders. Vielleicht nicht auf den ersten Blick – aber mindestens auf den zweiten: Wenn wir den Weg der Passion noch einmal zurücklaufen, dann sieht doch zunächst alles ganz rund und gelungen aus: Ein politischer und religiöser Störenfried wird dank eines willigen Handlangers dingfest gemacht, mit ein bisschen Flexibilität kann sich sogar die damalige Rechtsprechung über das Gesetz hinweg setzen und schafft somit dann einen äußerst unbequemen Menschen unter dem Deckmäntelchen eines Prozesses aus dem Weg – sauber und zunächst mal spurlos. Die Verantwortlichen der damaligen Systeme muss es gefreut haben. Aber die Freude kam zu früh.

Plötzlich kommt alles ganz anders
Denn knapp drei Tage später kam alles anders. Alles, was als unüberwindbar galt, ja sogar die letzte Grenze des Menschen: der Tod – ist gefallen. Zunächst einmal ist wohl das Unrechtssystem, was zu Jerusalem herrschte, nicht aufgegangen. Aber das ist ja nur ein ganz vordergründiger und eher übersehbarer Umstand. In der Auferstehung Jesu passiert viel mehr – alles, was der Mensch an Vorstellung vom Leben bis anhin mitgebracht hat, verliert seine Bedeutung. Die Dimensionen des Lebens haben sich erweitert. Das erfordert viel Neues – Kopf und Herz müssen neu erfinden. Stellen wir uns etwa allein einmal die verschiedenen Gefühlslage der Frauen am leeren Grab vor, die sie möglicherweise überrannt haben: Von einem riesigen Schrecken über abgrundtiefe Verzweiflung und weiter gesteigerte Trauer dürfte so manches dabei gewesen. Sie wollten doch nur zum Grab, um zu tun, was man immer machte, wenn jemand starb. Und plötzlich kommt’s alles ganz anders. Ja: Ostern stört!

Im Ereignis der Auferstehung seines Sohnes verrückt Gott die Maßstäbe des Lebens. Es muss neu gedacht und neu definiert werden. Hier geht es ans Eingemachte menschlichen Lebens. Die ganze Verkündigung dieser Ostertage macht uns deutlich: Gott bringt die Menschen an ihre Grenzen und immer auch ein Stückchen darüber hinaus. Aber auch: Er weicht nie von ihrer Seite. In der Auferstehung des Gottessohnes wird alles Dagewesene schließlich übertroffen. Den Tod hat noch niemand hinter sich gelassen.

Ostern ist eine existentielle Herausforderung
Für uns Menschen ist dieses Heilshandeln Gottes zugleich ein Geschenk wie auch eine Herausforderung. Gott bietet uns in der Auferstehung Jesu die Erneuerung seines Bundes in einer qualitativ einzigartigen Weise an. Leben sollen wir haben über den Tod hinaus.
Gleichzeitig wird überdeutlich klar: Wenn der Mensch dachte, er könne sich selbst aus den Ketten dieser Welt befreien und erlösen, muss er im Licht des Ostermorgens merken, welch ein Irrtum hier herrscht. Damit wird das Feiern des Osterfestes alles andere als eine fromme Übung und liturgisches Handeln – dieses Fest ist eine existentielle Herausforderung. Ja: Ostern stört!

Wenn Gott neue Maßstäbe für das Leben setzt, kann uns das nicht unbeeindruckt lassen. Wir sehen diese Welt in einem anderen Licht – eben im Licht der Auferstehung. Wir können uns nicht selbst erlösen, aber wir müssen auch nicht – Gott tut das schon. Aber nach seinen Maßstäben, nicht nach unseren. So drehen wir uns also auch nicht mehr um uns selbst, sondern um ihn. Das ist kein liturgischer Tanz, sondern soll Lebenseinstellung von Christinnen und Christen sein – das ist die Botschaft von Ostern.

Herausgerissen aus den gewohnten Bahnen des Lebens
Ostern stört – vor allem einmal das Leben in seinen routinierten Bahnen, von denen wir glauben es gäbe nur diese und wir hätten sie im Griff. Aber Ostern macht eben auch deutlich: Unser Leben kann ganz anders gedacht, erlebt und erfahren werden, als es in unseren Vorstellungen passiert. Bei allen Sicherheiten, an die wir glauben, gibt es eben auch das Unberechenbare, das Unmögliche, das in den Händen Gottes liegt. Wir dürfen loslassen, woran wir uns stets ängstlich klammern, weil wir uns eh ja nicht selber halten können.

In der Verkündigung an diesem Osterfest hören wir immer wieder von Menschen, die herausgerissen worden sind aus ihren Lebensbahnen: angefangen mit den Menschen des Alten Testamentes, in deren Leben Gott eingegriffen hat, über die schon erwähnten Frauen, die völlig verwirrt und überrascht das leere Grab erfahren, bis hin zu den zwei Männern auf dem Weg nach Emmaus, die der Auferstandene vom geplanten Weg abbringt: Sie alle zeigen uns, wie heilbringend und lebensstiftend es sein kann, sich von diesem Gott unseres Lebens stören zu lassen. Lassen auch wir uns anrühren, wachrütteln, von gewohnten Wegen abbringen – lassen wir uns verstören. In diesem Sinne: Frohe Ostern!

This entry was posted in Predigt.

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